Kampagne „Frauen und Frauenorganisationen für einen Frieden in Afrin/Nordsyrien“

Ziele | Forderungen | Initiatorinnen | Unterstützerinnen

„Frei werden wir erst, wenn wir uns mit dem Leben verbünden gegen die Todesproduktion und die permanente Tötungsvorbereitung. Frei werden wir weder durch Rückzug ins Private, ins „Ohne mich“, noch durch Anpassung an die Gesellschaft, in der Generäle und Millionäre besonders hochgeachtet werden. Frei werden wir, wenn wir aktiv, bewusst und militant für den Frieden arbeiten lernen.“
Dorothee Sölle

„Der Sicherheitsrat … ferner anerkennend, dass ein Verständnis der Auswirkungen bewaffneter Konflikte auf Frauen und Mädchen, wirksame institutionelle Vorkehrungen zur Gewährleistung ihres Schutzes und ihre volle Mitwirkung am Friedensprozess in erheblichem Maße zur Wahrung und Förderung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit beitragen können … fordert die Mitgliedsstaaten nachdrücklich auf, dafür zu sorgen, dass Frauen in den nationalen, regionalen und internationalen Institutionen und Mechanismen zur Verhütung, Bewältigung und Beilegung von Konflikten auf allen Entscheidungsebenen stärker vertreten sind“.“
Auszug der Resolution 1325 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen

Am Mittwoch, den 21. Februar 2018, wurde in Rüsselsheim die Kampagne „Frauen und Frauenorganisationen für Frieden in Afrin/Nordsyrien“ gegründet.
Anlass dafür ist der völkerrechtswidrige Angriffskrieg des türkischen Militärs gegen Afrin, der seit Januar dieses Jahres u.a. mit deutschen Leopard-2-Panzern geführt wird. Am 18.3.2018 wurde das Stadtzentrum Afrins durch das türkische Militär und seine dschihadistischen Verbündeten besetzt, begleitet durch Plünderungen und Zerstörung kultureller und religiöser Symbole und Stätten. Seit der Besatzung Afrins werden die Familien der dschihadistischen Milizen dort angesiedelt und somit die demografische und politische Struktur verändert.
Die deutsche Regierung äußert sich kaum dazu und unternimmt auch nichts gegen die Menschenrechtsverletzungen ihres Nato-Partners Türkei. Dieser militärische Angriff richtet sich insbesondere gegen die demokratische Selbstverwaltung und die Frauenbewegung in Nordsyrien. Betroffen sind die dort ansässigen Menschen genauso wie hunderttausende arabische, ezidische, christliche und andere Geflüchtete, die dort in den letzten Jahren Aufnahme gefunden haben.
Unsere Kampagne setzt sich zum Ziel, die Kriegstreiberei in Syrien zu beenden und eine internationale Frauenlobby für Frieden aufzubauen. Damit soll der von Frauen stark geprägte Gesellschaftsaufbau in Nordsyrien, der frauen-emanzipatorische Anliegen ins Zentrum stellt, geschützt und gestärkt werden.
(…)

Kampagne „Frauen und Frauenorganisationen für einen Frieden in Afrin/Nordsyrien“ als PDF


Alter Kampagnentext Kampagne „Frauen und Frauenorganisationen für einen Frieden in Afrin/Nordsyrien“ als PDF

Seit dem 20.01. diesen Jahres wird die Stadt Afrin in Nordsyrien seitens des türkischen Militärs und ihrer jihadistischen Verbündeten mit Bodenoffensiven angegriffen und aus der Luft bombardiert. Im Rahmen dieser völkerrechtswidrigen Angriffe sind bereits Hunderte von ZivilistInnen, vor allem Frauen und Kinder, ums Leben gekommen und verletzt worden. Bei diesem Angriff, den R.T. Erdogan „Die Olivenzweig Offensive“ nennt, führt die Türkei – wie in all ihren Angriffen gegenüber der kurdischen Bevölkerung und Andersdenkenden -psychologisch wie militärisch einen besonderen Krieg gegenüber Frauen und Mädchen. So wurde Barîn Kobanê, die in die Hände der türkischen Armee und ihrer Verbündeten fiel, von Mitgliedern jihadistischer Truppen gefoltert, ihre Brüste abgeschnitten und ihr entblößter Leichnam durch Videoaufnahmen auf sozialen Medien verbreitet. Mittlerweile hat die Türkei auch angefangen, andere Städte Nordsyriens anzugreifen. Neben ZivilistInnen werden vor allem auch kulturelle und historische Stätten bombardiert wie Kirchen, Moscheen, die heilige ezidische Stätte der Schutzpatronin „Xatuna Fexra“ oder die über 3000 Jahre alte hethitische Tempelanlage Ain Dara. Zudem werden die tausenden Olivenbäume, die ein Symbol und die Lebensgrundlage der Region sind, durch den Besatzungsversuch in der Operation Olivenzweig der türkischen Truppen in absurder Weise zerstört.

Insbesondere ezidische Dörfer, die nahe der türkischen Grenze liegen, sind von den völkerrechtswidrigen Angriffen betroffen. Die ezidische Gemeinschaft betrachtet diesen Angriff als einen weiteren Genozid, den somit 74. in ihrer Geschichte. Der 73. Genozid vom 3.8.2014 in Shengal dauert, auch laut einem UN Bericht, noch an. Dabei wurden hunderte EzidInnen hingerichtet, Tausende Frauen und Kinder verschleppt. Von vielen von ihnen fehlt bis heute jegliche Spur.

Die Bundesregierung schweigt zu den völkerrechtswidrigen Angriffen der Türkei. Der Bundesrepublik Deutschland kommt aufgrund ihrer politischen Führungsrolle in der EU und auch in der internationalen Gemeinschaft, durch ihre langjährige Partnerschaft mit der Türkei eine besondere Verantwortung zu. Dazu kommt, dass das türkische Militär diesen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg u.a. mit deutschen Leopard-Panzern und weiteren Waffen aus deutscher Produktion führt.

Bereits mit den Angriffen des IS in Syrien, der Zuspitzung der Menschenrechtslage nach dem Putschversuch in der Türkei und insgesamt der Kriegshandlungen im Mittleren Osten haben Millionen die Flucht ergriffen. Eine Politik zur Stabilisierung der Region, zum Schutz von Minderheiten und zur Herstellung von Lebensbedingungen, die Menschen ermöglichen in der Region leben zu bleiben, scheint in weiter Ferne zu liegen.

Um der Kriegstreiberei etwas entgegen zu setzen, haben die Menschen in Nordsyrien begonnen sich zu organisieren und ein demokratisch-konföderales Gesellschaftssystem im Mittleren Osten aufzubauen. Neben dem Kampf gegen den IS wurde gleichzeitig durch die lokalen Kräfte mit den unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppierungen wie christlichen, ezidischen und muslimischen Verbänden, Parteien und zahlreichen arabischen, assyrischen, armenischen, kurdischen und turkmenischen Kräften eine Stabilisierung der Region entgegen aller Kriegsfolgen erreicht. Tausende von Menschen gestalten das Leben dort mit und schaffen Bedingungen für ein lebenswertes Leben in ihrer Region, statt sich auf die gefährliche Flucht zu begeben. Innersyrische Flüchtlingscamps wie Ain Isa wurden weitgehend durch Afrin versorgt. Frauen organisieren sich in allen Bereichen autonom und sind gleichberechtigt in allen Gremien, Räten und Entscheidungsstrukturen. Alle Leitungspositionen werden immer durch das Prinzip der Doppelspitze von einem Mann und einer Frau besetzt.

Frauen haben sowohl den Kampf gegen den IS mutig angeführt, als auch in der Arbeit zur Stabilisierung der Gesellschaft eine beeindruckende Vorreiterinnenrolle gespielt. Sie haben hunderte von Ezidinnen, tausende Frauen und Kinder aus der IS-Gefangenschaft befreit oder davor bewahrt und sind zum Symbol des Widerstandes geworden. Frauen haben unter ebenso großer Einsatzbereitschaft eine äußerst mutige und nachhaltige Arbeit für den Frieden in der Gesellschaft geleistet. Sie haben Versorgungssysteme für Flüchtlinge und von Armut betroffene Familien eingerichtet, ein Bildungssystem, eine Gesundheitsversorgung und zahlreiche Frauenkooperativen aufgebaut.

All dies könnte mit dem Angriff der Türkei auf Nordsyrien wieder zerstört werden. Das Leben von Tausenden von Menschen ist in Gefahr. Es drohen ein Genozid und die Zerstörung von Lebensbedingungen, die Menschen in die Flucht zwingen werden.

In Zeiten, in denen sich Kriege mehren, müssen wir friedensbewegte Menschen aktiver denn je sein. Wir müssen unsere Werte von Gleichheit, Freiheit und Solidarität für eine Zukunft ohne Krieg und für einen nachhaltigen Frieden stärken. Wir sollten gemeinsam und frauensolidarisch die Bedeutung des Olivenzweigs, der in der Menschheitsgeschichte für Frieden steht, verteidigen.

Die Initiative von Frauen und Frauenorganisationen für Frieden in Afrin und Nordsyrien ruft gesellschaftliche und politische Kräfte und VertreterInnen in Deutschland und Europa dazu auf, sich für eine Friedenspolitik im Mittleren Osten und der Türkei einzusetzen.

Ziele | Forderungen | Initiatorinnen | Unterstützerinnen